Nachgefragt

Liebe Frau Ulrich,

Sie sind seit der Gründung des Deutschen Klöppelverbandes e.V. (1983) Verbandsmitglied. Seitdem haben Sie aktiv am Verbandsleben teilgenommen. Ihre Mitarbeit umfasste die Aufgabengebiete Verbandszeitschrift „die Spitze“, Arbeitsgruppe Wettbewerb, die Arbeitskreise Geschichte und Ausbildung sowie die Durchführung einiger Ausstellungsprojekte. Auch durch verschiedene Buchveröffentlichungen des Verbandes ist bekannt, dass Ihnen die zeitgenössische Spitze besonders am Herzen liegt.

Was versteht man unter „zeitgenössischer“ oder auch „moderner“ Spitze?

Zeitgenössische“ Spitze wird von Zeitgenossen entworfen, also von Entwerferinnen und Entwerfern, die heute leben. Diese Spitzen können aller Arten sein: von traditionell bis experimentell. Wichtig ist, was bestehen bleibt. „Modern“ ist für mich eine Spitze, die nicht nachahmt, sondern die die Spitzenentwicklung mit Innovationen vorantreibt. Deren Entwerfer und Entwerferinnen können sogar ihre Schaffensperiode im vorherigen Jahrhundert gehabt haben. Nehmen Sie Spitzen von Leni Matthaei oder Johanna Harre, die werden ihre Zeit überdauern, weil ihre Entwerferinnen zu so neuen Gestaltungsmöglichkeiten und Ansichten über die Spitze gefunden haben, dass sie bis heute bewundernswert sind.

Welche Bedeutung haben Netzwerke, wie z. B. die „GEDOK e.V.“ für die Weiterentwicklung der Klöppelspitze?

Eine sehr große! Der berühmte Blick über den Tellerrand ist sehr wichtig. Die Gesetzmäßigkeiten verschiedenster Gewerke und Gedanken anderer Künstler/innen und Kunsthandwerker/innen sind immer wieder anregend. Nicht nur, dass andere Möglichkeiten wahrgenommen werden und in Klöppelarbeiten einfließen können, sondern dass auch die Gelegenheit besteht, zu zeigen, welch einen Facettenreichtum die Klöppelspitze von heute besitzt.

Im Rahmen des 31. Klöppelspitzen-Kongresses in Schönsee präsentieren Sie eine Sonderausstellung über Johanna Harre.

Welche Bedeutung hat Johanna Harre für die Spitze des 20.  Jahrhunderts?

Johanna Harres Verdienst ist es, durch eine betont strenge Einfachheit Klöppelarbeiten zu Grafiken werden zu lassen. Selbst beeinflusst vom Bestreben des Bauhauses, schuf sie mit minimalem technischen Einsatz ihre Spitzen und Bilder. Wie in Fotografien hielt sie die Gesichter ihrer Verwandten fest, geklöppelte Portraits mit großer Ausstrahlungskraft. Sie sind einzigartig in der Klöppelspitze. Lediglich ein Portrait in Nadelspitze ist bekannt: Conrad Adenauer von Hanne-Nüte Kämmerer.

Johanna Harre gehört mit der von ihr entwickelten strengen Formensprache in ihren Spitzenkreationen zu den Vorreiterinnen der modernen Klöppelspitze.

Und zum Abschluss noch eine letzte Frage: Welche drei Begriffe fallen Ihnen spontan ein, wenn Sie an Spitze denken?

Oh, nur drei?

  • Naturzustände, die sich in Klöppelspitze umsetzen lassen. (Gischt, Gestein, Makroaufnahmen von Pflanzen und Tieren......)
  • Der Text von Johanna Harre: „Der Traum des Stoffes“
  • Die Ausbaufähigkeit der Klöppeltechnik zwischen Freiheit und Begrenzung

 

Frau Ulrich, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben, unsere Fragen zu beantworten.