Auvergne – Reise vom 2. – 6. Oktober 2014

Autorin: Hannelore Schlecht, Bülach/Schweiz

Das Massif Central zählt zu den grandiosen Naturlandschaften Europas, mit sauberen Gebirgsbächen, Vulkanseen, mittelalterlichen Städtchen und Burgen. 40% der Fläche der heutigen vier Departements der Auvergne wurden zu Regionalparks erklärt. Mit ihren zahlreichen Quellen ist die Auvergne Frankreichs Wasserreservoir; sie speist die Entwässerungssysteme von Dordogne und Loire, die beide nach Westen zum Atlantik fließen und zwei der größten Ströme des Landes bilden. Der wichtigste Fluß der Auvergne ist der Allier – er entspringt ganz im Süden und stellte einst den wichtigsten Transportweg der Auvergne dar, über den Waren und Erzeugnisse der Region verschifft wurden und der die traditionsreichen Städte mit dem Rest Frankreichs verband.
Die Auvergne ist in Frankreich aber auch ein Hort alter, traditioneller Kulturtechniken, wie der Käseherstellung, der Weinkelterei und alter Handwerkstechniken.
Speziell auf eine dieser Spuren der alten Handwerkstechniken, der Spitzenkunst - begaben sich am 2. Oktober 2014 eine internationale Gruppe von Spitzeninteressierten Personen. 48 Menschen waren gespannt, was die nächsten Tage bringen werden – wir trafen uns am Flughafen Lyon und wurden hier von Marianne und Lothar Stang herzlich begrüßt – bestiegen dann unseren Bus und fuhren nach Le Puy-en-Velay, wo wir für die nächsten Tage untergebracht waren.
Eine Landschaft wie ein gigantisches Bühnenbild: drei Basaltspitzen aus erstarrter Lava, auf der schmalsten, fast senkrecht aufsteigenden Vulkannadel thront die winzige Kirche St-Michel d’Aiguilhe (St. Michael auf der Nadel) rund 80 m über der Stadt. Daneben blickt eine Marienstatue aus dem Zweiten Kaiserreich auf die hochwürdige Kathedrale Notre-Dame de l‘Annonciation, eine der berühmtesten Wallfahrtskirchen Frankreichs.

Le Puy-en-Velay feiert seine Spitzen

5 Jahrhunderte : von 1550 bis 2014

40 Jahre : 1974 bis 2014 « Centre d’Enseignement de la Dentelle au Fuseau » Le Puy-en-Velay

Diese Festivitäten zur Feier der Spitze waren der Grund für unsere Reise. Wir starteten unsere Rundreise am ersten Tag mit dem Besuch in dem einst „La dentelle au Foyer“ genannten Gebäude – in diesem im Jugendstil erbauten Gebäude durften wir den Raum anschauen, in welchem zu früheren Zeit eifrig geklöppelt wurde. Spitzen verkaufte man von hier aus in die ganze Welt. Nach dem 2. Weltkrieg war jedoch die Konkurrenz der Maschinenspitze zu groß, die Geschäfte wurden eingestellt. Der Raum wird heute nicht benutzt, schade, denn wer würde nicht gerne in einem so großartig gestalteten Umfeld arbeiten.

Die wunderschönen Wand-, Decken- und Glasmalereien von Joseph Bernard sind ganz der Spitzenherstellung gewidmet.

Weiter ging unsere Reise mit dem Bus durch die herrliche Landschaft nach Alleyras, von wo aus wir mit der Cevennenbahn durch die Gorges de l’Allier fuhren – teils durch kurvige, in Fels geschlagene Tunnel, teils über Brücken schlängelt sich der Zug entlang des Allier. Dazwischen genossen wir die Sicht auf den Wasserlauf, die Landschaften rechts und links des Flusses, hohe Felsen, herrliche Wälder und die Basaltorgeln.

In Langeac war dieses Erlebnis zu Ende – auf zum Nächsten!

Ein kurzer Fußmarsch führte uns zum Musée Le Jacquemart, wo uns Madame Servant bereits erwartete, die uns stolz all die Schätze des Museums präsentierte.
Viele sehr schöne Spitzen konnten wir bewundern, ganz besonders waren die schwarzen Spitzen, die Spezialität dieser Region: les dentelles langeadoises, les dentelles noires.
Voller schöner Eindrücke kamen wir nach einer längeren Busreise wieder in unser Hotel zurück nach Le Puy-en-Velay. Kurz frisch gemacht, in die „Abendrobe“ gestürzt hieß es dann auch schon wieder Abfahrt, um 20 Uhr war Galaabend im Saal des Generalrats angesagt. Wir genossen ein vorzügliches Renaissance-Essen und wurden von Tänzern und Musik der Renaissance unterhalten.

Am zweiten Tag standen am Vormittag vor allem in Blavozy der Kongress und die Händler im Vordergrund.

 

Musée des Manufactures des dentelles in Retournac

Das Musée des Manufactures des dentelles in Retournac war unser nächstes Ziel – ein modernes Museum auf dem Lande! Ein Museum der bildenden Künste, Kunst, Industrie, Ethnographie, Wissenschaft und Technik – die Geschichte der Klöppelspitzen lebt auf – von der Herstellung der Spitze von Hand bis zur Maschinenspitze.

Wir können verfolgen, wie sich die Spitze vom 16. Jahrhundert bis heute entwickelte und welchen künstlerischen Strömungen sie unterworfen war: Barock, Neo-klassisch, Neugotisch, Orientalisch, Jugendstil….ob Unterwäsche, Kleidungsstück, etc. eine Welt voller Raffinesse, die Spitze auf der ganzen Welt beliebt und geschätzt.

 

Weiter ging es mit dem Bus nach Arlanc – im Tal der Dore. In dieser Region zählte die Spitzenherstellung im 19. Jahrhundert zum wichtigsten handwerklichen Erwerbszweig. Auch in den kleinsten Dörfern wurde damals in Heimarbeit geklöppelt – für die ganze Auvergne schätzt man, daß vor dem Ersten Weltkrieg etwa 150 000 Dentellières auf diese Art das Familieneinkommen aufbesserten.
In der Kirche St-Pierre ist auf einem wunderschönen Kirchenfenster eine Klöpplerin dargestellt.
Die Ausstellung im Musée de la Dentelle zeigte das Leben der Region, die verschiedenen Bräuche – was wurde wann getragen.

 

 

Zurück in Le Puy-en-Velay

Zurück in Le Puy-en-Velay besuchten wir die Ausstellungen, die speziell für diese Jubiläen gestaltet wurden.

  • 250 Postkarten und philatelistische Andenken – alle mit Spitzen- oder Klöppel-Motiven, viele aus der Haute-Loire, Frankreich aber auch weltweit.

  • Dann natürlich die zeitgenössischen Spitzen aus Frankreich und Deutschland welche zum Thema „Schwarz“ geschaffen wurden – sehr schöne Exponate!

  • Nicht zu vergessen ist natürlich der Besuch im Atelier National Conservatoire de la dentelle du Puy

Spitzen an Kleidungen, Hauben, Tischdecken, Taschentücher, Stolas, etc. in einer Vielfalt zum Bewundern!

 

Blesle und Brioude

Abfahrt am nächsten Tag war wiederum 08.00 h. Blesle und Brioude standen auf dem Programm.

Blesle – der kleine Ort in Haute-Loire zählt zu den schönsten Dörfern Frankreichs. Im Zentrum des Ortes ist immer noch ein einzigartiges Ensemble von gut 40 Fachwerkhäusern aus dem 14. – 16. Jahrhundert erhalten.
Im Musée de la Coiffe (Hauben-Museum) betrachteten wir die Ausstellung von Josanne Pothier. Über 700 Exemplare: Hauben, Mützen, Bänder, Hüte und Kostüme des Zentralmassivs vom Ende des 18. Jahrhunderts bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts. - Erst hier wurde mir bewusst, dass Frauen früher eigentlich zu jeder Tages-und Nachtzeit Hauben trugen! D.h. der Kopf war immer bedeckt! - Für jeden Zeitpunkt und Anlass gab es verschiedene Hauben, von einfacher Verarbeitung bis hin zur prächtigsten Ausstattung.
Brioude ein Städtchen mit rund 7200 Einwohnern, liegt abseits vom Allier, dessen Tal sich hier zu einer fruchtbaren Ebene erweitert. Eine lebendige Kleinstadt mit gutem Einkaufsleben und regem Kulturleben, die auch gerne als Tor der Gorges de l‘Allier bezeichnet wird.

Das Hôtel de la Dentelle, welches 2011 sein 25-jähriges Bestehen feiern konnte, ist mit seinen Spitzen „Cluny de Brioude“ weltweit bekannt. Diese Spitzen sind, ob in schlichtem Weiß, oder in einer außerordentlich schönen Mehrfarbigkeit gearbeitet eine Augenweide! Viele Klöpplerinnen fürchten sich vor der Ausarbeitung eines Formenschlages – in Brioude wurde eine Technik entwickelt, die die ovale Form perfekt entstehen lässt. Die ausgestellten Werke sind in einer solchen Perfektion gearbeitet, wie man es doch selten sieht - ein Stück ist schöner als das Andere – einfach Meisterwerke! Neben dem Museum ist hier im Hause auch eine Klöppelschule untergebracht. Sie wird als erfolgreichste Ausbildungsstätte von Frankreich bezeichnet, hat sie doch die 4 besten Klöpplerinnen von Frankreich in ihrem Team.
Nach all dem Klöppelgenuss kam dann noch ein kulinarischer Höhepunkt auf uns zu! Etwas außerhalb von Brioude liegt das Hotel / Restaurant „La Sapinière“: in schönster Umgebung genießen wir ein vorzügliches Essen, Spezialitäten aus der Region, guten Wein, gute Bedienung – es passte alles: einfach nur excellent!
Gegen Abend kamen wir gut gelaunt und voll gegessen wieder in Le Puy an – Zeit genug, um noch einmal einen kleinen Rundgang zu machen.

Musée historique des tissus et des arts décoratifs in Lyon

Am nächsten Morgen ging dann unsere Reise mit einem Besuch des Musée historique des tissus et des arts décoratifs in Lyon zu Ende. Wir hatten im Museum, das ja eigentlich montags geschlossen ist, Gelegenheit – Marianne Stang machte es möglich – ein paar der Kunstschätze zu bewundern.

Die Reise in die Auvergne in dieser Gruppe – organisiert durch das Forum Alte Spitze – Marianne und Lothar Stang und Anneliese Wienands – war für mich ein Highlight in Sachen Klöppelreisen. Alles war perfekt organisiert, Genuss pur kann man da nur sagen. Ich bedanke mich ganz herzlich, daß ich mit an Bord sein durfte – und freue mich auf ein nächstes Mal.